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Freitag, 18. Juli 2025

Psyches IATREON - Heilstätte der Seele

 

 

Dieses Werk ist noch bis 14. August zu sehen in der Berchtolvilla -  in der Ausstellung "8 Milliarden". 

Die Ausschreibung erforderte, die Größe der 8 Milliarden (Weltbevölkerung) so dar zustellen, dass der Betrachter sich diese eigentlich unvorstellbare Größe vorstellen kann. Dieser Anforderung näherte ich mich mit Hilfe der Mathematik und über Buchstaben. Ich errechnete bei einem mitteldicken Buch die Anzahl der Buchstaben: je Zeile etwa 50 Buchstaben, je Seite etwa 40 Zeilen, je Buch etwa 500 Seiten. Das ergibt je Buch ca. eine Million Buchstaben. Für 8 Milliarden Buchstaben braucht man daher je nach Größe etwa acht bis zehn Tausend Bücher. Eine ganze Bücherei ! Diese imaginäre Bibliothek ist auf drei aufgeklappten Tragetaschen dargestellt. Die Bücher stehen in 960 Regalen, die Bücherrücken sind teilweise beschriftet. Der Titel „Psyches Iatreion“ war Inschrift über dem Tor der Bibliothek von Alexandria in hellenistischer Zeit, der größten Sammlung von Schriften der antiken Welt. Diese Inschrift befindet sich u.a. auch auf dem Portal der Stiftsbibliothek in St. Gallen. Die Tragetaschen aus Papier stehen symbolisch für Mitnahmeeffekt und Nachhaltigkeit. Denn zudem geht es beim Thema Weltbevölkerung auch um deren Versorgung, die bei umsichtiger Erzeugung und gerechterer Verteilung besser möglich wäre, als es momentan der Fall ist. 

  

Die Juroren waren Getraud Kamml (Salzburger Kunstverein), Dieter Kleinpeter (Prof. für Malerei an der Universität Mozarteum) und Peter Husty (Kunsthistoriker und Chefkurator des Salzburg Museums). Den Preis bekam meine liebe Kollegin Mag. Christiane Pott. Für mich war es mich ein großer Erfolg, in der Endrunde zu sein. Ich danke der Kuratorin Andrea Lacher-Bryk vor allem dafür, dass sie meine Idee unterstütze und mir den von mir ausgesuchten Platz in der Berchtoldvilla zugestand.

Ausschnitt 
 
 Davor war ich noch intensiver auf die Versorgung der 8 Milliarden Menschen und eine zeitliche Komponente eingegangen. Der dicke Ast war ein Buchstaben fressendes Wesen. 
 Er hatte 1771 wegen einer Hungersnot im Land Salzburg angefangen Buchstaben zu fressen. Eine in jeder Sekunde. Bis zur Ausstellung wäre er fertig geworden. 
Mir wurde jedoch von einer Kollegin geraten, dieses Narrativ weg zu lassen, die Bibliothek alleine gefiel ihr sehr. Da ich 2021 bei gleicher Gelegenheit von einer (anderen) Jurorin den Satz hörte: "Idee sehr gut, aber zu viel,"  folgte ich diesem Rat. 
Ihr könnt diese Arbeit von 2021 weiter unten ansehen. 
 
Hier möchte ich die Idee und Ausführung dennoch zeigen. Was meint ihr dazu?
  
 
Der Text beginnt mit einer Initiale, wie sie früher in Büchern zu finden waren. Oben die Maria von der Mariensäule auf dem Domplatz in Salzburg, sie steht auf der Weltkugel und ist umgeben von Rosen.
 

Ich heiße so, weil ich Buchstaben fresse. Nichts lieber als Buchstaben. In jeder Sekunde einen …

Im Jahr 1771 habe ich damit angefangen, denn damals herrschte im Land Salzburg eine große Hungersnot wegen Missernten. Da habe ich mich auf Buchstaben spezialisiert. Sie schmecken mir enorm gut und ich werde erst aufhören, wenn ich

acht Milliarden

gefressen habe. Das wird demnächst der Fall sein. Die Bücher in den Regalen werden immer leerer. Das sieht man nur von außen nicht. Wie so vieles ... Da stehen nur noch leere Hüllen. Und nebenbei habe ich gerechnet, denn Buchstaben fressen macht auch schlau. Auf einer Zeile dieses Buches mit dem lustigen Umschlagdeckel kannst du etwa 50 - 60 Buchstaben zählen. Eine Seite hat etwa 35 Zeilen. Das sind dann rund 2000 Buchstaben je Seite. Das Buch hat ungefähr 500 Seiten, das ergibt eine Million Buchstaben pro Buch. Mal etwas mehr, mal etwas weniger. Um 8 Milliarden Buchstaben zu fressen muss ich dann etwa acht- bis zehn-Tausend Bücher leeren. Das sind natürlich nur ungefähre Angaben, aber es ist ja auch egal, an welchem Tag genau ich heuer damit fertig werde. Vielleicht gerade während der Ausstellung. Ich habe nämlich noch etwas errechnet: wenn ich in jeder Sekunde einen Buchstaben fresse, dann brauche ich für 8 Milliarden Buchstaben ungefähr 235 Jahre. Anschließend mache ich jedenfalls eine Diät – die Heißhunger-Kur. Damit nicht alle Bibliotheken leer gefressen werden.

Es ist mir etwas peinlich das zu sagen, aber - ab und zu habe ich Verdauungsprobleme. Da fallen dann Buchstaben bei mir hinten heraus. Siehst du sie am Boden? Wenn du magst, kannst du aus Buchstaben Wörter bilden oder gar sinnvolle Sätze. Vielleicht zum Thema Hungersnot, dem Auslöser meiner Fress-Sucht.

Auf der Erde leben zurzeit etwas mehr als 8 Milliarden Menschen. Und täglich werden es mehr. Viele von ihnen leiden an Hungersnot - so wie ich damals 1771. Das müsste nicht sein. Wenn man die Ressourcen dieser wunderbaren Erde gerechter verteilen würden, dann könnten alle Menschen satt werden. Es gäbe weniger Kriege und weniger Fluchtbewegungen. Dazu müsste man natürlich auch auf das Klima achten und auf einen vernünftigen Anbau. Es würden weniger Lebensmittel vernichtet werden, was wieder dem Klima zugute käme.

Was meinst du dazu?

Zwei weitere Informationen habe ich überdies noch für dich zum Jahr 1771: In der Stadt Salzburg, die damals schon eine zwar kleinere aber wunderschöne Stadt war, wurde in Mülln ein Waisenhaus und auf dem Domplatz die Mariensäule errichtet. Und Mozart, den ja jeder kennt, war damals grade in Mailand, und er schrieb in diesem Jahr seine Sinfonie in A-Dur, KV 114. 

                                                              --------------- 

    Zum Abschluss noch ein Foto von Letterix´ Verdauungsproblem. Trotz der vielen Hungersnöte in der Welt, darf auch der  Humor nicht fehlen ...

 

   

Sonntag, 8. Juni 2025

Teilnahme an einem Friedensprojekt in der Berchtoldvilla, Salzburg

Das Thema Frieden ist allgegenwärtig. Mehr denn je in meinem Leben. Daher nahm ich auch gerne an einem Friedensprojekt des geschätzten Kollegen Paul Raas in der BV teil. Er gab halb-fertige Postkarten aus, die man vervollständigen sollte. Eine Botschaft auf der Rückseite war auch gewünscht. Das Thema wurde bei mir ein Eigenläufer - die Ideen sprudelten grade so daher. Die Karten wurden alle zu einem Gesamtwerk von fast 100 Karten zusammengefügt - meine 14 waren alle dabei. Das freute mich sehr.


Von Venedig aus schickte ich die Rialto-Brücke. Die Ponte dei Sospiri hätte ich inhaltlich bevorzugt, das Fomat passte aber nicht.

Botschaft: Der Frieden darf nicht untergehen.

 


 

 Den Frieden  muss man hoch aufhängen 

 

 

 

 

 


 

 Frieden für alle Völker und Religionen

 

 

 

 

 


 

 Jeder muss etwas zum Frieden beitragen.

 

 

 

 


 Harte Arbeit - aber lohnenswert.

 

 

 

 

 


 

 Frieden muss "gepflegt" werden.

 

 

 

 


 

 Frieden ´`= Freiheit

 

 

 

 


 

 Auf dem Frieden wachsen die schönsten 

Früchte.

 

 

 


 

Keiner darf vom Frieden ausgeschlossen werden.

(hebräische Schrift)

 

 

 


 

Achtet auf die Kinder!

 

 

 

  


 

 Störenfried!

 

 

 

 


 

 Grenzen dürfen nicht verschiebbar sein!

(die Schnur ist auf der Rückseite 

verschiebbar) 

 

 

 


 

 Frieden funktioniert nur, 

              wenn ALLE ihn wollen.  

 

 

  


 

Die Welt ist krank!

 

 

 

 

 

Die Reihenfolge entspricht keiner Wertung.  

Die Ausstellung kann noch bis 18.6.25  im Foyer besichtigt werden.  

Nachtrag 2024 - 100 x 100 - Kleines Format ganz groß

Für eine Ausstellung in der BV - die Idee kam aus Neuseeland - fertigte ich kleine Bilder im Format 100 x 100 Millimeter. Es war ungewöhnlich, auf so kleinem Raum zu arbeiten. Die Kuratorin wählte das Bildchen unvergessen aus. Mein Favorit wäre die Versteckte Abneigung gewesen.

                                          

                                            

 

 

 

 

 

Titel: Versteckte Abneigung, 

Objekt, Folie auf Papier, Dochthalter 2024

 


 

 

 

 

 

 

 Titel: Lukas (aus das Buch der Blinden Briefe)

Grafik auf Karton unter Seidenpapier, 2024 

 

 


 Titel: Unvergessen, 

Silberstift auf Tonkarton, 2024

 

 

 

 

 

 

 

 


 Titel: Frieden, Schrift in 36 Sprachen 

auf Tonkarton unter Seidenpapier. 2024 

 

 

 

 

Samstag, 7. Juni 2025

Toxisch

Die Werkreihe „TOXISCH“ entstand zu einer Zeit, der nahezu unvorstellbare Ereignisse voraus gingen, die nicht abrissen … 24. Februar 2022 beginnt Putins schrecklicher Krieg gegen die Ukraine. 7. Oktober 2023 die Hamas überfällt Israel, im Anschluss überfallen weitere Aggressoren dieses Land. Die Liste der Attentate, Sprengstoffanschläge, Flugzeugentführungen, Terroranschläge erreicht 2024 eine Zahl in schwindelerregender Höhe. Täglich hört man „Ukraine“, „Gaza“. Anschläge auf Menschengruppen in der Öffentlichkeit erfolgen in immer kürzer werdenden Abständen. An Orten, deren Namen spätestens jetzt jeder kennt: Zürich, Grünheide, Murnau, Mannheim, Solingen, München, Rotterdam, Aschaffenburg, Magdeburg. Anschläge mit Fahrzeugen, Schusswaffen, Messerattacken. Erschreckende Zahlen von Toten und Verletzten. Dazwischen Gedenkfeiern für frühere Anschläge. Migrationspanik. In Deutschland zerfiel die Ampelregierung wegen unablässiger Streitigkeiten, in der Weihnachts- und Faschingszeit folgte ein schmutziger Wahlkampf. Die Wahl von Trump und den Folgen seiner Macht sind täglich präsent. Man hörte kaum noch von positiven Ereignissen in den Nachrichten. Die ganze Welt schien vergiftet.

Ich musste für mich einen Weg finden, um diesen Druck zu reduzieren. Wie immer half mir die Kunst. Ich begann über Giftpflanzen nachzudenken, mich näher zu informieren. Wollte sie darstellen, aber auf andere Weise, als man es früher machte, mit akribisch genauen Zeichnungen aller Pflanzenteile. Ausnahme: lateinische Namen. Mit Bleistift kaum lesbar. Die oft unbekannte Gefahr. Wie bei den Auslösern dieser Werke. Ich wählte alte, unschöne Wellpappe. Musste abreißen, aufreißen, verletzen, durchstechen, Schönheit und Gefahr zugleich darstellen. Nur wenige Pflanzenteile, vornehmlich die giftigen. Wenig Farbe. Dünnes, durchsichtiges Seidenpapier als Symbol gleichermaßen für die Verletzlichkeit sowie das Ungefährliche durch Kenntnis. Und wie immer - die Viererreihe der Dochthalter.

Sehr viele Giftpflanzen wachsen in Gärten. Sie sind wunderschön anzusehen und dienen der Tierwelt teilweise als Nahrung und / oder Behausung. Wenn man sie kennt, richtig behandelt und achtet stellen sie keine Gefahr dar. Ich habe sie seit mehr als einem halben Jahrhundert ganz nahe bei mir. Und ich liebe sie. Wie meine Kunst.


Aconitum napellus - Blauer Eisenhut
 

 
 Taxus baccata - Eibe

 

 Laburnum - Goldregen
 


Wisteria, Glyinie - Blauregen
 

Daphne mezereum - Seidelbast

 


Convallaria majalis - Maiglöckchen 


Hedera helix - Efeu
 
 Digitalis purpurea - Fingerhut 
 
Colchium autumnale - Herbstzeitlose

 

 

Cornium maculatum (Schierling) 

wächst üblicherweise nicht im Garten, ist jedoch bekannt durch Goethes „König in Thule“, der den „Goldenen Becher“ nahm, um sein Leben zu beenden.


 Die Größen der Arbeiten liegen ungefähr zwischen 35 und 60 cm.

Montag, 2. Dezember 2024

Die Krawatte

 Eines meiner letzten Bilder möchte ich euch nicht vorenthalten, auch wenn es sehr persönlich ist.     Die Lektüre des Buches "Sinnieren über Schmutz" von Alexander Mitscherlich zusammen mit Antoni Tàpies regte mich dazu an.

 Titel: Die Krawatte  -  Technik: Collage, mixed media auf LW  -  Größe: 50 x 50


Sonntag, 13. Oktober 2024

Shirt and Socks

 Lange schon hingen mein T-Shirt und die dazu passenden Socken hinten an der Staffelei  ... 


Titel: Shirt and Socks -  2024                                                                                                           Technik: Objekt, mixed media   -   Größe: 80 x 100

Mai 2024, während einer Ausstellung, bei der meine Werke bei manchen Besuchern deutlich zu Unverständnis führten, begann ich dann endlich ...

Zu dieser Zeit las ich gerade einen Text über Werke von Antoni Tàpies, der zu meinem Lieblingskünstler und Seelenverwandten geworden war. Ich hatte ein Faltblatt über eine Ausstellung geschenkt bekommen. Zufall? Nein, es gibt keine Zufälle, es fällt einem zu. Hier las ich: „Unter den Gebrauchsgegenständen gibt es kaum etwas, das stärker mit Erinnerungen beladen ist als Kleidungsstücke. Unter den Kleidungsstücken verweist nichts eindringlicher auf das Ausgezogensein und die damit verbundene Schutzlosigkeit als Unterwäsche und Strümpfe (siehe Delacroix: die Socke des Gefallenen). Die Socken werden zum Ausdruck der peinlichen, existentiellen Verletzlichkeit des Menschen und seiner Hilfsbedürftigkeit.  Die von den Fingern der Hand gezogenen Spuren weisen in die Vergangenheit, das eigene Erleben. Spiralen versinnbildlichen die ständige Wiederkehr der Erlebnisse.“ Sprialen hatte ich auch davor schon verwendet, die Idee mit der Hand borgte ich mir aus. Bei meinem Werk steht die rechte, belebtere Hälfte für die Erlebnisse, Sand wird der Erziehungs-berechtigten in die Augen gestreut. Die linke, fast leere Hälfte symbolisiert die Einsamkeit, in der man sich bei derartigen Erlebnissen befindet. Der zarte weiße Untergrund aus Kreide (Schneewittchen und der böse Wolf) symbolisiert die Unschuld eines abhängigen, benutzten Kindes, das abgeriebene Schmirgelpapier zeigt, wie sehr sich das Opfer an den wissenden Personen abgearbeitet hat. Die rechte Seite ist schwer belastet - um das Gleichgewicht zu erreichen braucht es Liebe (Stein links oben).                                                                                                                                                        Ich arbeitete mit einer Mischung aus Intuition und Erinnerung – das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung (Talmud) und fand mich erneut in meinem großen Seelenverwandten wieder. Hatten der grandiose Künstler und ich gar ähnliche Erfahrungen in der Kindheit? „Am Ursprung der künstlerischen Berufung steht immer der Schmerz einer starken, vitalen Erfahrung.“ (aus „Praxis der Kunst“).

Samstag, 12. Oktober 2024

Ich habe dich so lieb

Marcel Duchamp meinte, die Maler sollten sich mehr von Literaten als von Malerkollegen inspirieren lassen. Mit großer Intensität arbeitete ich 2023-24 an einer künstlerischen Gedichtinterpretation von Joachim Ringelnatz.  

Joachim Ringelnatz war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der vor allem humoristische Gedichte verfasste mit witzigen und wohlklingenden Reimen. Unter dem Namen Hans Bötticher wurde er am 7. August 1883 im sächsischen Wurzen geboren. Seine Ehepartnerin Leonharda Pieper, mit der er von 1920 bis zu seinem Tod 1934 verheiratet war, nannte er liebevoll Muschelkalk. Zur Zeit der Weimarer Republik zählten Schauspieler:innen wie Asta Nielsen und Paul Wegener zu seinen engen Freunden und Weggefährten. Im Alter von nur 51 Jahren starb er in Berlin an Tuberkulose (Erkrankung der Atem- Wege). Sein teils skurril, expressionistisch, witzig und geistreich geprägtes Werk ist noch heute sehr bekannt und beliebt.

Meine folgenden vier Werke stellen die bildnerische Interpretation eines seiner beliebten Gedichte dar:

 „Ich habe dich so lieb“

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb
.

 

Werk 1 

 Titel: Ich habe dich so lieb  

Technik: Materialbild, Acryl auf Hemd/MdF   -   Größe: 61 (96) x 123 cm

Dieses Werk von 2000 kennt ihr schon von meinem Katalog. Mit drei weiteren Materialbildern knüpfte ich daran an.

Im Jahr 2000 war dieses bekannte Gedicht Ausgangspunkt für eines meiner Werke. Damals stand die Überschrift im Mittelpunkt. Der Satz „Ich habe dich so lieb“ war Ringelnatz offenbar besonders wichtig. Es gibt eine schöne Redewendung: Wenn man jemanden lieb hat und für ihn alles tun würde, dann sagt man, dieser Mensch könnte „mein letztes Hemd“ bekommen.

Ich wandte mich nach Absolvieren der wichtigsten Techniken wie Zeichnen, Radierung, Aquarell, Malerei auch Collagen zu, und fertigte Werke mit verschiedenen Materialien und Fundstücken an, sowie objets trouvés, ohne Künstler wie Marcel Duchamps (1887-1968), Robert Rauschenberg (1925-2008) und Antoni Tapiès (1926- 2012) damals zu kennen. 

Dieses „letzte Hemd“ steht im Mittelpunk dieses Werkes während meiner damaligen weißen Phase. Es gehörte meinem Lebenspartner und ich verwendete es spontan, ohne ihn vorher gefragt zu haben. Ich wusste genau, er würde es mir „ohne Bedenken … schenken“. Das Hemd hängt links, damit daneben genug Raum verbleibt, für das Gedicht und für die Liebe. Die nur leben kann, wenn jeder genug Raum bekommt. Am oberen Rand des Hemds sind die Löcher des Siebs angedeutet, über die Ringelnatz in der letzten Strophe des Gedichts schreibt: „Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb.“


Werk 2

Titel: traurig zu Mut   -   Jahr 2023

Technik: Objekt auf Leinwand   -   Größe: 50 x 50

Auch hier wird die traditionelle Grenze zwischen Malerei und Skulptur aufgehoben. Die Malerei ist mit einem Objekt aus dem Alltag kombiniert und somit erweitert, hin zum dreidimensionalen Raum. Das alte Metall-Sieb (von meiner Aussteuer aus den 70er-Jahren), wie u.a. auch im Werk von Antoni Tapiès zu finden ist, analog zu seiner (und meiner) Aussage „Nichts ist gering“, hat auch hier bereits „die Zeit entstellt“ - es hat zwar schon Rost angesetzt, aber noch sind alle Löcher da, so wie es sich gehört. Aber … Der feurig rote, glänzende Hintergrund „leuchtet“ und nimmt Bezug auf Ringelnatz´s Stellung während des NS-Regimes (Bühnenverbot, Bücherverbrennung). Die Gefangenen innerhalb des Siebs haben „nichts getan“. Sie werden dargestellt durch namenlose Gesichter, wie ich sie bereits 2013/14 als Symbol für NS-Opfer im Holocaust künstlerisch verwendete – Böden von Teelichthaltern, mit entsetzten, aufgerissenen Augen, sowie ein paar Dochthaltern, die seit 2003 in meinem Werk eines meiner bevorzugten Merkmale für Leidende sind. Eines der Metallplättchen trägt das Porträt von Joachim Ringelnatz. Diese Gesichter können, eingesperrt und zusammengepfercht im Innenraum des Siebs, wie damals in den KZs, nur durch die Löcher nach draußen schauen – in den Außenraum. Aber eigentlich wollten sie „nicht bleiben“. Ihnen fehlt es an Atem. Den hatte man ihnen genommen. Zuletzt sogar den Atem zum Leben, Überleben.                                                                                            „Traurig zu Mut“ - für die Betroffenen wie für die Überlebenden im Nachhinein. „ Doch nimmer vergessen“.                                                                                                                                               Die Metallstreifen verwende ich seit längerem gerne als „Rahmen“ bei Kunstwerken – nichts ist gering!, sowie zur Begrenzung oder Verbindung von Räumen.

Die Hauptsache, wie sie in Bild 3 folgt, wären damals für die Menschen auch Löcher gewesen, solche, durch die sie in den Freiraum, die Freiheit hätten entkommen können.

 


Werk 3

Titel: die Hauptsache   -   Jahr 2023

Technik: Objekt auf Leinwand   -   Größe: 50 x 50

              „Unsere Seele ist wie ein Vogel,                                                                                                     

              den Fängen der Jägers entkommen;

             das Netz ist zerrissen,

              und wir sind frei.“                                  (Ps 124,7)

Wie in Werk 2, erscheint hier wieder das Sieb. Positioniert als „Hauptsache“ ebenfalls mittig auf der Leinwand, entgegen den gängigen Regeln der Kunst.

Hier befinden sich jedoch die vorher Eingesperrten, Misshandelten, diejenigen die „nichts getan“ hatten, in einer neuen Situation: „vorbei“. Das alte Sieb war im Laufe der Zeit zerbrochen - „die Zeit entstellt“, die Zeit heilt aber auch Wunden. Dadurch öffnete sich das Gefängnis der Traurigkeit zu einem großen Loch – das war „die Hauptsache“. Gesprengt von der Kraft der Liebe, können die Traurigen nun aus ihrer vorherigen unwürdigen Situation entkommen. Sie können „reisen“. Sie „können nicht bleiben“. Sie bekommen Raum – und können wieder atmen ... Symbol dafür die Libelle, ein kleines Wesen mit hauchdünnen, zarten Flügeln, zart wie die Liebe. Rein und unschuldig wie die Liebe – und „leise“ wie der nun wieder weiße Hintergrund.

Damit sollte die Liebesgeschichte eigentlich zu Ende sein, aber die Vergangenheit lehrt uns, dass …

 


 

Werk 4

Titel: Epilog   -   Jahr 2023

Technik: Objekt auf und vor Leinwand   -   Größe: 30 x 30

 Ich arbeite gerne mit Zahlen (Fibonacci), auch mit der Zahl 4. Bei meiner Ikebana-Ausbildung (1965 – 1977) erfuhr ich, dass im Japanischen die Zahl 4 gleichbedeutend ist mit Tod.

Die Farben weiß – rot – schwarz erinnern an die White, Red, Black Paintings von Robert Rauschenberg (1951). Mit den White Paintings thematisierte Rauschenberg den Anspruch, Kunst und Leben zu verbinden. Dem stimme ich zu. Schwarz stand bei ihm für die Selbstbeschränkung auf das Quasi-Nichts, das ihm bei der Suche nach sich selbst als Ausgangspunkt diente. Es bedeutete auch das Nicht-Wissen, wie es (für ihn künstlerisch) weitergehen würde. Auch hier ist dieser Aspekt gegeben. Die Farbe Schwarz (außen matt, innen glänzend) scheint mit einem Prozess der Transformation verbunden. Sie lässt sich als Mittel zur Grenzüberschreitung deuten, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Materiellen zum Spirituellen, vom Bewussten zum Unbewussten.

Der Betrachter mag Werk 4 vielleicht dahingehend selbst interpretieren.

Sicher kennst Du das Kinderlied von 1890: „ Auf der Mauer, auf der Lauer, sitzt a kloane Wanz´n, schaut´s nur grad die Wanz´n o, wia die Wanz´n … ko … bis hin zur Pause im Lied – Atempause? Die Wanze als Abhörgerät? „Bellt“ bereits „ein Hund“?

Für mich ist die Wanz´n zum Todesvogel mutiert und sitzt bereits in den Startlöchern, um …

auch das Sieb wartet bereits darauf, seine Opfer einzufangen.

Ob sich das grausame Schicksal der Machtergreifung wiederholt, wird die Zukunft zeigen. Ein deutlicher Ruck nach rechts ist bereits erkennbar. Ein weiterer Krieg ab 7. Oktober 2023 bestätigt die schlimmsten Ahnungen.

Ich ende mit einem Zitat, das auch auf mich zutrifft. Auch ich will mit meinen Werken das politisch-soziale Gewissen des Betrachters ansprechen - ich will mit meinen Werken Botschaften übermitteln.

„Ich möchte die Leute wachrütteln“, so Rauschenberg, „ich möchte, dass die Leute das Material betrachten und darauf reagieren. Ihre individuelle Verantwortung möchte ich ihnen bewusst machen, sowohl für sich selbst wie für die übrige Menschheit. Wie einfach ist es, der Welt gegenüber selbstgefällig zu sein. Die Tatsache, dass du ein paar Groschen für eine Zeitung ausgibst, beruhigt fast schon dein Gewissen. Mit der Lektüre glaubst du bereits deinen Teil getan zu haben. Und du wickelst dein Gewissen in die Zeitung, so wie du deinen Abfall darin einwickelst.“

Danke , dass du bis hierher durchgehalten hast. Ich verrate dir, warum es heute so viel mehr ist.    Ich hatte diese Arbeit im Mai 2024 bei einer Ausstellungsbewerbung "Atem der Kunst" in der Art bv Berchtoldvilla eingereicht. Sie wurde von der Kuratorin abgewiesen.                                         Ringelnatz´ Bücher wurden mit Machtantritt der Nationalsozialisten wurden auf den Index gesetzt und er erhielt Bühnenverbot.    -    Ich befinde mich sozusagen in bester Gesellschaft.