Freitag, 9. Oktober 2026

"Geschichten von Tieren und Menschen" ... und vorerst letzte Haiku-Bildchen, aber nur vorerst ...

So lautete der Titel der Ausstellung im Herbst 2026 in der Berchtoldvilla, für die ich weitere Haiku -Bildchen gestaltete, denn es gibt etliche Gedichte, in denen solche Geschichten erzählt werden. Der Mensch kommt dabei in vielen Fällen nicht gut weg.

 

       

 

                                                           Kobayashi Issa (1811):

" Frühlingsbrise - im Schlepptau / des Ochsen  unverhoffte Wallfahrt / zum Zenkoji-Tempel". 

 

                    Die Tierformen arbeitete ich bei den folgenden Arbeiten bewusst deutlich heraus. 

 
 Tosei (Matsuo Basho, 1677): "Ei, gar nichts ist passiert - / das Gestern verstrich trotz Genuss / von Kugelfischsuppe." Die Stacheln des Kugelfischs -  Stecknadeln. 
 

Kobayashi Issa (1816): "Abgemagerter Frosch / lass dich ja nicht unterkriegen / Issa ist da".
 


Basho (1685): Sommerkleid hervorgeholt / aber noch längst nicht / sämtliche Läuse rausgeklopft".
 
 
 
 Natsume Seibi (1806): "Eine Fliege geklatscht / Nun müssen alle dran glauben! / So ist das Menschenherz".
 Hier lebte ich meine Gastaltungsfreude mit skurrilen Gegenständen aus - eine Fliegenklatsche. Der Stab ist natürlich im Original auch vorhanden.
 
 
 

 Basho (1690): "Leuchtkäferschau / ein beschwipster Fährmann / Das Boot schwankt bedenklich". 
Diese Schau fand am Seta-Fluss statt. Das Ruder ist hier ein Kaffeestäbchen. Nichts ist gering.
 
 
 
 
Issa (1807): "Sie blenden die Vögel / lassen sie zetern und genießen gleichgültig / die Kühle am Tor".
Auch hier wird von der Grausamkeit des Menschen erzählt. Die Vögel wurden in Käfigen gehalten.
 
 

 Issa (1813):" Im Frühlingsregen / schnattern die Enten, die der Fressgier / bisher nicht zum Opfer fielen".
 
 
Den Spatzen setzte ich auf einen alten Holz-Sockel und beschriftete ihn beidseitig. 

 Die Haiku sind wieder von Issa. 
"Komm doch her! / Spiel mit mir! Du kleiner / verwaister Spatz".
 

"Spatzenkind / weg da weg da das Hohe Ross / trabt vorüber". 
 
 
Unmittelbar danach fiel mir ein Stück Pappe in die Hände, das perfekt zum Gedicht passte.
 
Shogi:" Mit ihrem Becken / geschwommen und geschwommen / Nun ist sie schwanger". 
 
 
 
 
 Und das muss auch noch sein, denn "So einer bin ich" ist eine der bekanntesten Formeln im Haiku.
Basho (1682):" Mit Blick auf die Trichterwinden / ess` ich den Morgenreis / so einer bin ich!". 
 
 

 Über den Fuji gibt es viele herrliche Haiku, hier noch eines aus neuerer Zeit, das ich etwas mehr ausgestaltete. Hier geht es um den ersten Blick im Neuen Jahr.
Awano Seiho (1928):"  Muss es mir wirklich / den ersten Blick auf den Fuji verstellen / das tiefe Vordach". 
 
 
 
                                                 Und auch die Religion darf hier nicht fehlen.

                                       Takano Suju (1953): Yuki akari / issaikyo o / zoshitaru". 

         "Im Glanz des Schnees / gespeichert die große Sammlung / buddhistischer Schriften".

 

Zum Abschluss noch ein Täfelchen aus Holz, das für Bitten gemacht wird.
"chin chin pui pui" 
ist eine Zauberformel,  um die Welt zum Positiven zu verwandeln.
Wollen wir daran glauben.  
 

Donnerstag, 8. Oktober 2026

2024 - QUI ABITAVA und Chiese da Venezia

 Fast hätte ich es vergessen - 2024 führte uns der Urlaub nach Venedig.  

Schon mehrere Male war ich in Venedig durch die Calle dei Fabbri gegangen – und hatte ihn nicht gesehen. 2011 bereits, als ich die Biennale besuchte. Damals deshalb nicht, weil es ihn damals noch gar nicht gab. Aber dass ich ihn dann im April 2024 nicht sofort gesehen hatte, empfand ich fast als eine Art Schande für mich. Aber wer schaut in einer Stadt wie Venedig schon auf den Weg, auf den Boden? Es gibt doch genug anderes zu sehen.                                                                                                                    Gerade im Sestriere San Marco schweift der Blick eher staunend und bewundernd nach oben oder bleibt, wie auch in anderen Stadtteilen auf Schaufensterhöhe. Aber beim vierten oder fünften Durchlaufen dieser relativ engen Gasse zur Vaporetto-Station Rialto, sah ich ihn auf einmal – den Stolperstein. „Bonaventura Ferrazzutto – arrestato come politico – deportato Mauthausen“. Nun wurde mir klar, dass auch in Venedig diese Gedenksteine verlegt wurden und werden. Auch über einen weiteren im Viertel San Polo stolperte ich im wahrsten Sinne des Wortes. Anders erging es mir dann natürlich im Viertel Cannaregio, wo ich diese Gedenksteine nun im Gheto schon erwartete. Hier sind sie in größerer Anzahl z.T. bis zu 9 Stücken vor einem Haus zu finden. Ich erlebte ähnliches wie in Salzburg. Meine Pflasterknipserei hatte zur Folge, dass sich fast immer Grüppchen von Neugierigen um mich bildeten, die wissen wollten, was denn da am Boden so interessant war - was ich da in der typischen Haltung, mit mehr oder weniger vorgebeugtem Oberkörper und nach unten gesenktem Kopf, fotografierte. Man kann diese Haltung auch als respektvolle Verneigung wahrnehmen. Leider werden gerade in dieser schönen Stadt die Stolpersteine kaum wahrgenommen, weder als Mahnmal noch als Kunstwerke von Gunter Demnig, dem Initiator.

Und wie sollte es anders sein – zuhause gestaltete ich dann mit Hilfe des internetes wieder eine Collage. Dieser gingen bereits zwei ähnliche Arbeiten voran – „Hier wohnte“ und „It lakott“. Alle drei sind besondere Stadtpläne der Städte Salzburg, Budapest und nun Venedig. Gleich ist allen, dass hier die Stolpersteine der Stadt versammelt sind, je nach Platzverhältnissen innen oder hier in Venedig aufgrund der Enge, außen herum. Nur kleine goldfarbene Quadrate liegen an der Stelle, wo man sie finden kann, mit der Hausnummer versehen, die in Venedig anders ist als bei uns – meist eine vierstellige Zahl ohne Straßennamen. Dies erschwerte mir die Arbeit ungemein. Der größte Unterschied zu den beiden Werken davor besteht darin, dass auf diesen Plänen Straßen aufgezeichnet sind, nur die, in denen die Gedenksteine liegen, hier aber Wasserstraßen. Venedig gleich erkennbar an der typischen Form des „Canal Grande“ und dazu alle anderen kleinen Kanäle und unzähligen Brücken. Alle 400 wird der Betrachter aber sicher nicht finden. Dafür jedoch die vielen Kirchen, die ebenso zur Lagunen-Stadt gehören.

"Qui abitava": Grafik und Collage auf Papieren, 100x100, 2025
 
 
Auf oberer Stelle neben dem Flair den die vielen Gassen und Kanäle verbreiten, stand der Besuch der Kirchen. Da ich gerne eine Kerze entzünde, fiel mir sofort auf, dass die Teelichter dort in anderen Hülsen stecken. Mich umsehend steckte ich die erste leere in meine Tasche, denn ich verarbeite leere Teelicht-hülsen in meinen Kunstwerken seit 2003. Sie sind größer, v.a. der Dochthalter, und außen rot. Das würde sich sicher gut machen auf meinen neuen Werken, dachte ich. Und von da an begann ich zu sammeln, um am Ende der Reise eine große Tüte voll mit nach Hause zu bringen.        Und  nach längerer Pause machte ich dann mal wieder eine box (Nr.63). Anlass war die Lieferung meiner neuen Visitenkarten – die Schachtel hatte genau meine Lieblingsform.
 
"Chiese da Venezia": 2024, 42x26x10, 2024
 
Im oberen Teil sind 20 Hülsen versammelt, in ihnen Abbildungen der berühmtesten Kirchen – allen voran San Marco, S. Fra, S. Polo und auch die jüdische Synagoge hat ihren Platz dort, gekennzeichnet durch einen Davidstern. Die Lage entspricht in etwa der Lage in der Stadt.                                                          Im unteren Teil sind auf einer Stadtkarte nur Wasserstraßen und die Kreuze für die Kirchen aufgezeichnet. An der besonderen Form des Canal Grande ist die Lagunenstadt sofort erkennbar. 

 
 Oben ziert zu beiden Seiten eine Goldborte, den schier unerschöpflichen Prunk der Kirchen unterstreichend. Außen herum schrieb ich die Namen der 66 Kirchen, nach Stadtvierteln geordnet.
 
 Falls ich eine übersehen habe, möge man mir das verzeihen.   

A Line a Day

 2026 folgte die Ausstellung "A Line a Day". Schon im Winter 2024/25 hatte ich nur für mich drei Werke gemacht, die dann genau zum Ausstellungsthema passten -" Nippon - Nihon - Die kleine Schnecke".  Du konntest sie schon vor einiger Zeit hier sehen (weiß - rot - schwarz).  Die Vorarbeit zu dieser Ausstellung bereitete mir besonders viel Freude, und es verging kein Tag, an dem ich nicht japanische Kalligrafie übte.

 Die speziellen Vorgaben zur Ausstellung brachten mich auf die Idee, die Haiku auf kleine Wellpappe-Stücke, oftmals Reste von vorherigen Arbeiten, zu schreiben. Ziel war ein Zusammenwirken von Form und Inhalt. Mal mit einem Haiku beginnend, das mich besonders ansprach (die neuen aus dem 21. Jh. zunehmend mehr), dann aber auch mit einem Stück Pappe beginnend, das plötzlich "zufällig" in meinen Händen lag. Am Ende der Vorbereitungen war ich auf etwa 100 kleine Bilder und Lesezeichen gekommen, maximal 30x20 cm. Es war eine besonders intensive Zeit, und erst das nächste Thema brachte mich auf neue Wege. 
 
Hier ein paar meiner Lieblings-Werke ... 
 
das erste ...
 
 
Auf  der Rückseite steht das haiku in jap. und deutscher Sprache und Hinweise zum Dichter oder Besonderheiten.
 
 

 "Herbstwind bläst / der Blick des Bettlers taxiert mich / als seinesgleichen" 
Kobayashi Issa (1804) 
Das kleine rote Quadrat - immer da wo es mMn am besten hinpasst - enthält die Moren meines Namens (Katakana-Alphabet, da ausländisch); ma - i - te 
 
 

 Ochi Etsuin schrieb über weißes Haare, die er von seinen Eltern verbergen wollt. Ich fügte, wie oft auf meinen Bildern, eigene Haare hinzu, die inzwischen auch weiß geworen waren. 
 
 
Ein wackelnder Zahn des Dichters Kobayashi Issa, von dem ich dir früher schon geschrieben hatte, dass ich mich ihm besonders nahe fühle, - dazu ein Stück alte Zahnkrone von mir. 
"Flatternd / wie ein Mohnblütenblatt / der Vorderzahn" (1812)
 

Maki: "Rispenhortensienstengel / jeder zog auf seiner Seite / meine erste Liebe".
Die Stäbe zur Aufhängung variieren ... 
 
 

 Im fortgeschrittenen Alter spicht einen dann auch die "letzte Wohnstatt" an. 
Issa: "Das wird nun also / meine letzte Wohnstatt sein? /  fünf Fuß tie der Schnee".
 

 
Hier zwei Haiku über den Mond - welch ein Unterschied ... 
Yosa Buson 1775: "Zwischen Narzissen / spielen da nicht Füchse / unter fahler Mondsichel."
Masaki Yuko 2011:" Hunderttausend Jahre später / wenn ich daran denke - nichts mehr / nur noch der Mondschein".  
 
 

Eine Frottage kombiniert mit Kalligrafie - 
Tsubouchi Toschinori (1976) "Aus dem Dunkel des Regenmonds/ kommt es, offenen Mundes/ - das Neugeborene." 
Die Moren sind hier stückweise aufgebracht, so wie halt eine Geburt vor sich geht. 
1976 wurde mein Sohn geboren.
 

Das Sternenfest Tanabata - und die Legende von den Sternen Altair und Wega. 
Kagy no Chiyojo (18.Jh.): "Stelldichein der Sterne / welcher von beiden wird wohl / zuerst etwas sagen?".


 "Durchlässiger Bambusvorhang / vereiste Tatami-Matten / was für ein Schneegestöber" - ausdrucksstarke Verse der DichterIN Segawa. (1687.)
Die Bamusstäbe als Aufhängung sind aus meinem Garten.  
 


 Hoshino Tatsuko: "Das Papierfenster / schiebe ich zu - und spüre nun / rings die Farben des Hrebstes "  . Ich verband es mit dem Fenster eines Briefumschlags, die ich seit langem sammle und bei passender Gelegenheit  verwende. 

 


 Hasegawa KAI (*1954): "Gezähntes, durchsichtig / blitzendes Blatt der Elektrosäge / lässt mich schaudern vor Kälte". 

Ich weiß heute nicht mehr, wann und wo ich dieses Metallteil fand ...  aber bei mir wird alles aufgehoben - "Nichts ist gering", wie A.T. sagte, mein Seelenverwandter, mit dem ich die Liebe zu asiatischer Kunst, Kulur, Religion teile.  


 Kawasaki Tenko (2003): "Der Ball beim Spielen / weggespickt in die falsche Richtung / dieser Erdball".

Welch weise Worte - und es wurde nicht besser danach .... 

 

Dieses Haiku bezieht sich auf den nach dem Fuji höchsten Berg Japans - Shirane (3192 m),  der aus 3 Erhebungen besteht. Mein Stück Keramik von einem zerbrochenen Blumentopf schien mir gerade geeignet.        Maeda Fura (1937)           

 


Nomura Toshiro (1956): "Ich fache Feuer an - /Jenseits am Horizont der kahlen Felder / geht einer seines Wegs".                      Ich kombinierte das Rot eines Torii mit der Farbe des Feuers. 

 


 Issa : " Ameisenstraße - / Aus Wolkengebirge kommt sie / zieht sich wohl endlos ins Weite ". 

Das Unscheinbare - ich liebe es ...

 


                                     Der braune Pappe-Rest wurde zum "Götterspeer" von                                                          Sugiki Moichi: "Götterspeer so lang / Glanz über irdischen Gefielden / beim ersten Beischlaf". 
 
 

  Keine Haiku ohne Matsuo Basho, den größten aller Meister:
" Erster Winterregen / selbst der Affe hätte gerne / ein Strohmäntelchen".  (1689)
 

 


                                                           Sassa Seisetu (1872-1917): 
"Verfallender Tempel / der grimmige Wächter am Tor /  überwuchert von jungem Laub"

 

 

Mori Sumio (1953):"In der Neujahrsnacht - / weiß wie ein Schwan / meine Frau im Bade."

Takakuwa  Ranko (1787): "Erster Tag im Jahr / mit diesem Herzen möchte ich / in der Welt leben" 

Ich schrieb diese Verse ganau in der Neujahrsnacht und am 1. Januar. 

 




 Basho (1684): "Der Frühling setzt ein. / Noch hab ich fünf Maß alten Reis / zum Neuen Jahr". 

Wie genügsam diese alten Meister doch lebten. Siehst du die Reiskörner? 

 


 Hier, so meine ich, ist mir die Verknüpfung von Form und Inhalt besonders gut gelungen - aus lauter Reststücken.

Issa (1804): "Die Pflaumenblüten duften / da mag kommen wer will / meine Teeschalen alle beschädigt". Issa stammte aus einenm Bauernhof (wie mein geliebter Opa), er lebte sehr lange in großer Armut und schuf dabei dennoch (oder gerade deshalb) so göttliche Gedichte. 



  Suzuki Murio (1999): " Unter stechenden Blicken / fault das `20. Jharhundert`/ seinem Ende entgegen.          Dieser Inhalt war mir besonders wichtig. Daher machte ich drei Werke bis es mir wirklich gefiel.           Es enthält zudem eine Doppelbedeutung - 20. Jahrhundert nijusseki - ist eine Sortenbezeichnung für eine jap. Birne (Nashi) . Das Verb "faulen" ist hier im konkreten wie übertragenen Sinn angebracht. Auch hier wieder das Unscheinbare, Kleine, die Kerne.
 


 Ich schließe die "Kleinen Bildchen" mit einer Anlehung an "Die große Welle", die damals im Frühjahr gerade in München zu sehen war. 
Yosa Buson (1762): "Frühlingsmeer / Wellenspiel den ganzen Tag / hin und her hin und her". 

und auf der Rückseite des Segels:

 

Yamaguchi Seishi (1944!): "Wenn er aufs Meer hinaustreibt / der Wintersturm - dann gibt´s / kein Zurück mehr".  

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Am Ende machte ich noch ein sehr zeitaufwändiges Werk - auf 3lagiges altes Papier schrieb ich das Hiranga- und Katakana-Alphabet. Da ich es bei der Ausstellung nicht  austellen durfte, hängte ich es mir bei der Vernissage um den Hals und bekam so noch mehr Aufmerksamkeit als am Boden liegend, wie ich es mir gewünscht hatte. 

 
Da sich beim anstrengenden Schreiben der Kanji und Moren leicht mal die Hand verkrampft (und der Kopf auch) , schob ich leichte "Kritzeleien" - Bokuseki dazwischen. Darüber erzähle ich dir später noch. Hier nur mal ein paar Impressionen - ohne Worte 
 

 
 
  
 



und hinten die Sitzende Linie