2026 folgte die Ausstellung "A Line a Day". Schon im Winter 2024/25 hatte ich nur für mich drei Werke gemacht, die dann genau zum Ausstellungsthema passten -" Nippon - Nihon - Die kleine Schnecke". Du konntest sie schon vor einiger Zeit hier sehen (weiß - rot - schwarz). Die Vorarbeit zu dieser Ausstellung bereitete mir besonders viel Freude, und es verging kein Tag, an dem ich nicht japanische Kalligrafie übte.
Die speziellen Vorgaben zur Ausstellung brachten mich auf die Idee, die Haiku auf kleine Wellpappe-Stücke, oftmals Reste von vorherigen Arbeiten, zu schreiben. Ziel war ein Zusammenwirken von Form und Inhalt. Mal mit einem Haiku beginnend, das mich besonders ansprach (die neuen aus dem 21. Jh. zunehmend mehr), dann aber auch mit einem Stück Pappe beginnend, das plötzlich "zufällig" in meinen Händen lag. Am Ende der Vorbereitungen war ich auf etwa 100 kleine Bilder und Lesezeichen gekommen, maximal 30x20 cm. Es war eine besonders intensive Zeit, und erst das nächste Thema brachte mich auf neue Wege.
Hier ein paar meiner Lieblings-Werke ...
das erste ...
Auf der Rückseite steht das haiku in jap. und deutscher Sprache und Hinweise zum Dichter oder Besonderheiten.
"Herbstwind bläst / der Blick des Bettlers taxiert mich / als seinesgleichen"
Kobayashi Issa (1804)
Das kleine rote Quadrat - immer da wo es mMn am besten hinpasst - enthält die Moren meines Namens (Katakana-Alphabet, da ausländisch); ma - i - te
Ochi Etsuin schrieb über weißes Haare, die er von seinen Eltern verbergen wollt. Ich fügte, wie oft auf meinen Bildern, eigene Haare hinzu, die inzwischen auch weiß geworen waren.
Ein wackelnder Zahn des Dichters Kobayashi Issa, von dem ich dir früher schon geschrieben hatte, dass ich mich ihm besonders nahe fühle, - dazu ein Stück alte Zahnkrone von mir.
"Flatternd / wie ein Mohnblütenblatt / der Vorderzahn" (1812)
Maki: "Rispenhortensienstengel / jeder zog auf seiner Seite / meine erste Liebe".
Die Stäbe zur Aufhängung variieren ...
Im fortgeschrittenen Alter spicht einen dann auch die "letzte Wohnstatt" an.
Issa: "Das wird nun also / meine letzte Wohnstatt sein? / fünf Fuß tie der Schnee".
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Hier zwei Haiku über den Mond - welch ein Unterschied ...
Yosa Buson 1775: "Zwischen Narzissen / spielen da nicht Füchse / unter fahler Mondsichel."
Masaki Yuko 2011:" Hunderttausend Jahre später / wenn ich daran denke - nichts mehr / nur noch der Mondschein".
Eine Frottage kombiniert mit Kalligrafie -
Tsubouchi Toschinori (1976) "Aus dem Dunkel des Regenmonds/ kommt es, offenen Mundes/ - das Neugeborene."
Die Moren sind hier stückweise aufgebracht, so wie halt eine Geburt vor sich geht.
1976 wurde mein Sohn geboren.
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Das Sternenfest Tanabata - und die Legende von den Sternen Altair und Wega.
Kagy no Chiyojo (18.Jh.): "Stelldichein der Sterne / welcher von beiden wird wohl / zuerst etwas sagen?".
"Durchlässiger Bambusvorhang / vereiste Tatami-Matten / was für ein Schneegestöber" - ausdrucksstarke Verse der DichterIN Segawa. (1687.)
Die Bamusstäbe als Aufhängung sind aus meinem Garten.
Hoshino Tatsuko: "Das Papierfenster / schiebe ich zu - und spüre nun / rings die Farben des Hrebstes " . Ich verband es mit dem Fenster eines Briefumschlags, die ich seit langem sammle und bei passender Gelegenheit verwende.
Hasegawa KAI (*1954): "Gezähntes, durchsichtig / blitzendes Blatt der Elektrosäge / lässt mich schaudern vor Kälte".
Ich weiß heute nicht mehr, wann und wo ich dieses Metallteil fand ... aber bei mir wird alles aufgehoben - "Nichts ist gering", wie A.T. sagte, mein Seelenverwandter, mit dem ich die Liebe zu asiatischer Kunst, Kulur, Religion teile.
Kawasaki Tenko (2003): "Der Ball beim Spielen / weggespickt in die falsche Richtung / dieser Erdball".
Welch weise Worte - und es wurde nicht besser danach ....
Dieses Haiku bezieht sich auf den nach dem Fuji höchsten Berg Japans - Shirane (3192 m), der aus 3 Erhebungen besteht. Mein Stück Keramik von einem zerbrochenen Blumentopf schien mir gerade geeignet. Maeda Fura (1937)
Nomura Toshiro (1956): "Ich fache Feuer an - /Jenseits am Horizont der kahlen Felder / geht einer seines Wegs". Ich kombinierte das Rot eines Torii mit der Farbe des Feuers.
Issa : " Ameisenstraße - / Aus Wolkengebirge kommt sie / zieht sich wohl endlos ins Weite ".
Das Unscheinbare - ich liebe es ...
Der braune Pappe-Rest wurde zum "Götterspeer" von Sugiki Moichi: "Götterspeer so lang / Glanz über irdischen Gefielden / beim ersten Beischlaf".
Keine Haiku ohne Matsuo Basho, den größten aller Meister:
" Erster Winterregen / selbst der Affe hätte gerne / ein Strohmäntelchen". (1689)
Sassa Seisetu (1872-1917):
"Verfallender Tempel / der grimmige Wächter am Tor / überwuchert von jungem Laub"
Mori Sumio (1953):"In der Neujahrsnacht - / weiß wie ein Schwan / meine Frau im Bade."
Takakuwa Ranko (1787): "Erster Tag im Jahr / mit diesem Herzen möchte ich / in der Welt leben"
Ich schrieb diese Verse ganau in der Neujahrsnacht und am 1. Januar.
Basho (1684): "Der Frühling setzt ein. / Noch hab ich fünf Maß alten Reis / zum Neuen Jahr".
Wie genügsam diese alten Meister doch lebten. Siehst du die Reiskörner?
Hier, so meine ich, ist mir die Verknüpfung von Form und Inhalt besonders gut gelungen - aus lauter Reststücken.
Issa (1804): "Die Pflaumenblüten duften / da mag kommen wer will / meine Teeschalen alle beschädigt". Issa stammte aus einenm Bauernhof (wie mein geliebter Opa), er lebte sehr lange in großer Armut und schuf dabei dennoch (oder gerade deshalb) so göttliche Gedichte.
Suzuki Murio (1999): " Unter stechenden Blicken / fault das `20. Jharhundert`/ seinem Ende entgegen. Dieser Inhalt war mir besonders wichtig. Daher machte ich drei Werke bis es mir wirklich gefiel. Es enthält zudem eine Doppelbedeutung - 20. Jahrhundert nijusseki - ist eine Sortenbezeichnung für eine jap. Birne (Nashi) . Das Verb "faulen" ist hier im konkreten wie übertragenen Sinn angebracht. Auch hier wieder das Unscheinbare, Kleine, die Kerne.
Ich schließe die "Kleinen Bildchen" mit einer Anlehung an "Die große Welle", die damals im Frühjahr gerade in München zu sehen war.
Yosa Buson (1762): "Frühlingsmeer / Wellenspiel den ganzen Tag / hin und her hin und her".
und auf der Rückseite des Segels:
Yamaguchi Seishi (1944!): "Wenn er aufs Meer hinaustreibt / der Wintersturm - dann gibt´s / kein Zurück mehr".
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Am Ende machte ich noch ein sehr zeitaufwändiges Werk - auf 3lagiges altes Papier schrieb ich das Hiranga- und Katakana-Alphabet. Da ich es bei der Ausstellung nicht austellen durfte, hängte ich es mir bei der Vernissage um den Hals und bekam so noch mehr Aufmerksamkeit als am Boden liegend, wie ich es mir gewünscht hatte.
Da sich beim anstrengenden Schreiben der Kanji und Moren leicht mal die Hand verkrampft (und der Kopf auch) , schob ich leichte "Kritzeleien" - Bokuseki dazwischen. Darüber erzähle ich dir später noch. Hier nur mal ein paar Impressionen - ohne Worte
und hinten die Sitzende Linie